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Das 5.Gebot

 

 

 

Defibrillation | Daily Wounds | Hügelraufhügelrunter   UNTRÖSTLICH

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Teil I der Trilogie "GEH WEITER"
2016-2018

"Ich gehe. Fahrradfahren ist mir zu schnell, Autofahren zu prosaisch. Die schrittweise Wahrnehmung der Welt ist für mich die genussvollste. Ich tauche ein, verliere mich und komme trotzdem an. Alle meine Projekte sind auch Projekte über das Gehen."


Installation 265 x 290 x 180 cm
Mit Hüftknochen auf Titan | Mutters Erbe - Hüftgold | Gedankenschnitt in Linoleum | Hüftkopf in Gips

sonstige Materialien: Rigips | Aluprofile | Patientenhemden | Liege | Folienplots

Fotos 'Bonnie' | Michaela Nolte

Die Installation wurde mit Unterstützung der Firma 'Michael Beyer Trockenbau', Berlin realisiert.

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partizipatorische Kunstprojekte

 

OBJEKT | SKULPTUR | KÖRPER

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“Ich gehe soweit wie es mir gefällt, und ich höre auf, wann es mir passt. Gehen ist das, was ich brauche. Bei schönem Wetter zu Fuß durch ein schönes Land zu gehen ohne sich zu beeilen und am Ende der Reise Genuss zu empfinden; das ist von allen Lebensarten diejenige, die mir am besten gefällt.” Jean-Jacques Rousseau | Confessions

Ich gehe. Fahrradfahren ist mir zu schnell, Autofahren zu prosaisch. Die schrittweise Wahrnehmung der Welt ist für mich die genussvollste. Ich tauche ein, verliere mich und komme trotzdem an. Alle meine Projekte sind auch Projekte über das Gehen.
Ende 2015 spürte ich einen Schmerz in meinem rechten Bein. Seine Anwesenheit erstaunte mich; war ich mir doch keiner Verletzung bewusst. Der Schmerz wurde lauter, er schwoll über die Monate an und nahm mein Bein in Besitz. Ich fing an zu hinken. Jeder Schritt wurde zur Herausf
orderung. Die Kante des Bürgersteigs schien mir so unüberwindbar wie die Latte beim Stabhochsprung.
Ich deutete den Schmerz als Zeichen einer möglichen Überarbeitung. Zum Arzt ging ich erst nach neun Monaten, als ich keine Treppen mehr steigen konnte. Der Orthopäde war ratlos. Er schickte mich zum Scan. Ich legte mich in die Röhre, danach ging ich auf eine Reise.
“Ihre Bilder seh‘n nicht gut aus”, sagte der Arzt bei der nächsten Konsulation. Ich bekam Angst. Er diagnostizierte links- und rechtsseitig eine Coxarthrose IV. Grades.
“Jeder Mensch muss sich verschleißen” Beuys.
Die Vorbereitungen für die Operation begannen. Ich war gekränkt.
Arthrose ist kein Todesurteil; aber der Befund traf mich an sensibler Stelle: Ich hatte die Freiheit zu gehen verloren und das Vergnügen, an der Kreuzung das Spiel “links oder rechts?” zu spielen. Kein “Hügel rauf, Hügel runter” durch die LandSchaft schaft war mehr möglich, kein Durchstreifen des urbanen Gefälles.
Und dann war da noch etwas Anderes: Arthrose war ein Leben lang Begleiterin meiner Mutter gewesen. Sie starb bevor man ihr das vierte künstliche Hüftgelenk implantieren konnte.
Ich wurde trotzig, weigerte mich das genetische Erbe anzunehmen.
Die Vorstellung, dass einer meiner Knochen durch Metall ersetzt würde, verstörte mich – auch wenn die Prothese aus Titan schön, fast wie ein Schmuckstück aussah. Das Selbstverständnis meiner Unversehrtheit war verletzt.
Die Instrumente des Chirurgen erinnerten an Bildhauerwerkzeug: Säge und Hammer. Die Wunde wurde mit Tackernadeln geschlossen.
Der Körper als Baustelle.
Ich erbat die Erlaubnis nach der Operation meinen Hüftknochen zu sehen und einen Abguss von ihm vorzunehmen.
Am 19. Dezember 2016 wurde ich aus der Klinik entlassen; es war der Geburtstag meiner Mutter.
Die letzten drei Stunden verbrachte ich in meinem Patientenzimmer um den Silikonabguss meines Hüftknochens vorzunehmen. Eine Freundin dokumentierte den Prozess.
Die Heilung verlief gut. Ich war jetzt sehr stolz auf meine Beine. Im Bewusstsein, dass eine zweite Operation unabwendbar sein würde, akzeptierte ich die Tatsache, dass das genetische Erbe der Mutter im Chromosom 3p21.1. | rs6976 mitbestimmend war für die Erkrankung.
Meine Mutter war eine elegante Frau von klassischer Erscheinung. Unser Geschmack in Bezug auf Kleidung und Schmuck differierte immer. Ich würde ihre Broschen oder Ketten, die sie mir hinterlassen hatte, nie tragen.
In Übereinstimmung mit meinem Bruder entschied ich, ihren Schmuck einzuschmelzen und eine Replika meines Hüftknochens damit zu giessen – eine Verneingung vor meiner Mutter, ein Dank an meinen Körper und ein Bekenntnis zur “Philosophie des Gehens”.

Berlin, Januar 2017 | 2018
barbara caveng

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